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Heilberufe in Thüringen fordern umfassenden Bürokratieabbau
17.03.2026 - Allgemeine Verwaltung, Presse

Menschen heilen, statt Formulare ausfüllen: Mehr Zeit für Patienten!

Die Gemeinschaft der Heilberufe in Thüringen fordert einen spürbaren Bürokratieabbau für die Arztpraxen, Zahnarztpraxen und Apotheken im Freistaat. Die Entlastung von überflüssigen Verwaltungspflichten müsse zu einer zentralen gesundheitspolitischen Aufgabe der Landesregierung werden, so die Initiative. Thüringen solle eigene Regelungen konsequent vereinfachen und sich auch auf Bundesebene für strukturelle Entlastungen im Gesundheitswesen einsetzen.

Stefan Fink, Vorsitzender des Thüringer Apothekerverbandes: „Kein einziger Patient wird besser behandelt, weil seine Apotheke bürokratisch überbordende Formulare ausfüllt. Wir brauchen endlich wieder mehr Freiheit, unsere Arbeit am Patienten zu tun: Wir wollen als Apotheker unsere Kunden und Patienten beraten und mit Arzneimitteln versorgen, anstatt seitenweise Listen und Formulare auszufüllen.“

Bürokratieabbau ist Voraussetzung für Versorgungssicherheit – besonders im ländlichen Raum

Die zunehmende Bürokratie belastet Ärzte, Zahnärzte, Apotheker, Psychotherapeuten und Pflegekräfte massiv. Hochqualifizierte Fachkräfte verbringen einen erheblichen Teil ihrer Arbeitszeit mit Formularen, Checklisten, Dokumentationen und Nachweisen. Diese wertvolle Zeit fehlt für die Versorgung der Patientinnen und Patienten.

Dr. Annette Rommel, Erste Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Thüringen: „In den vergangenen Jahren nehmen die Wirtschaftlichkeitsprüfungen der Praxen spürbar zu. Dabei geht es meist um Rückforderungen kleinerer Beträge bis zu 50 Euro. Allein der Aufwand für die Rückforderungen liegt um ein Vielfaches höher. Daher fordern wir, die Bagatellgrenze für diese Prüfungen auf 300 Euro zu erhöhen. Dies spart Geld und wertvolle Arztzeit.“

Was ursprünglich der Qualitätssicherung dienen sollte, hat sich längst zu einem lähmenden Dickicht entwickelt: Bürokratische Vorgaben bremsen effiziente Arbeitsabläufe, erhöhen die Arbeitsbelastung und frustrieren medizinische, zahnmedizinische und pharmazeutische Fachangestellte sowie weitere Beschäftigte. Zunehmende Bürokratie schreckt den Nachwuchs von Praxisniederlassungen oder Apothekenübernahmen ab und drängt rentennahe Kollegen vorzeitig aus dem Berufsleben.

Ronald Schreiber, Präsident der Landesapothekerkammer Thüringen: „Angesichts des massiven Fachkräftemangels ist die Bürokratie im Thüringer Gesundheitswesen nicht länger tragbar. Während überall Personal fehlt, verbringen unsere Teams einen wachsenden Teil der Arbeitszeit mit immer mehr Papierkram. Wer Gesundheitsberufe – vor allem im ländlichen Raum – attraktiver machen will, muss sie von überflüssigen Verwaltungsaufgaben entlasten.“

Die Initiative bezweifelt nicht, dass bestimmte Regelungen für große Kliniken mit hunderten Beschäftigen sinnvoll sein können. Der ambulante Bereich mit seinen übersichtlichen, freiberuflich geführten Praxen und Apotheken in Thüringen werde durch identische Vorgaben jedoch unverhältnismäßig stark belastet.

Dr. Ralf Kulick, Präsident der Landeszahnärztekammer Thüringen: „Laut Bundeszahnärztekammer gehen 25 Prozent der Arbeitszeit von Zahnärztinnen, Zahnärzten und Zahnmedizinischen Fachangestellten durch Bürokratie verloren. Ganze 962 Regelungen sind im Alltag einer Zahnarztpraxis zu beachten. Allein für die Reinigung eines einfachen Mundspiegels gelten sieben Verordnungen, elf DIN-Normen, vierzehn Arbeitsanweisungen und neun Dokumentationspflichten. Dieses Ausmaß steht in keinem angemessenen Verhältnis.“

Weniger Bürokratie ist Chance für bessere Medizin

Die Gemeinschaft der Heilberufe in Thüringen fordert daher von der Politik in Land und Bund, jede bestehende Vorschrift kritisch zu überprüfen: Dient sie tatsächlich einer besseren Gesundheitsversorgung und Patientensicherheit – oder lediglich zur Absicherung staatlicher Zuständigkeiten?

Dr. Sabine Köhler, Vorsitzende der Gemeinschaft Gebietsärztlicher Berufsverbände in Thüringen: „Rund 61 Arbeitstage im Jahr verbringen Ärztinnen und Ärzte sowie Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten im Schnitt mit Verwaltungsarbeiten. Dabei ließe sich schon heute vieles verschlanken. Bislang muss zum Beispiel vor Beginn einer Psychotherapie ein sogenannter Konsiliarbericht erstellt werden, mit dem ein Vertragsarzt bestätigt, dass keine medizinischen Gründe gegen die Therapie sprechen – und zwar auch dann, wenn Patienten eine fachärztliche Überweisung mit differenzierter Indikationsstellung für eine Psychotherapie haben. Für derartig spezifizierte Überweisungsfälle sollte dies umgehend gestrichen werden.“

Zwar habe die Politik den Handlungsbedarf erkannt, doch Ankündigungen allein reichten nicht aus. Notwendig seien mutige strukturelle Entscheidungen: weniger staatliche Steuerung und mehr Vertrauen in die Kompetenz der Heilberufe und aller weiteren Gesundheitsberufe.

Dr. Knut Karst, Vorstandsvorsitzender der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Thüringen: „Bürokratie entwickelt sich zum Gift für die medizinische Versorgung. Sie blockiert nicht nur die Praxen, sondern wird von jungen Berufskollegen als abschreckendster Grund angegeben, sich gegen eine eigene Niederlassung zu entscheiden. Dies wird nur getoppt von nichtfunktionierender Digitalisierung, aber beides greift ja ineinander. Ärzte versorgen nicht während der Dokumentation! – Gebt uns Zeit für unsere Patienten!“