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Sechs Kilometer Fußweg zur nächsten Apotheke sind kein Problem?
09.03.2026 - Apothekenwesen, Presse, externe Gremien

In den letzten Tagen machen zwei Studien der Krankenkassen zur Erreichbarkeit von Apotheken die Runde, die tatsächlich aufhorchen lassen. Geht es den Kassen wirklich um das Wohl ihrer Versicherten? Nicht nur, dass die finanzielle Lage der Krankenkassen als furchterregend beschrieben wird, weitere Beitragserhöhung in Aussicht gestellt werden und gleichzeitig über 3,5 Milliarden Euro Mehreinnahmen in eine Argumentationskette passen müssen. Jetzt erklären die Kassen auch noch, dass die Schließung von über 5.000 Apotheken praktisch keine Auswirkungen auf die Arzneimittelversorgungsqualität hat. Schließlich seien hauptsächlich Apotheken in den Städten geschlossen worden und deutlich weniger auf dem Land.

BARMER legt Fußwegenetz von OpenStreetMap zu Grunde

Vom Schreibtisch aus betrachtet, mag es sein, dass eine Entfernung von 6 km Fußweg zur nächsten Apotheke für 89 % der Bevölkerung auf dem Land kein Problem ist. So ein Spaziergang kann der Gesundheit doch sehr dienlich sein und ein bisschen Bewegung hat noch niemanden geschadet.
(bifg - Geodatenbasierte Analyse zur Erreichbarkeit von Apotheken in Deutschland).

In der Realität werden diese sechs Kilometer aber nicht den fitten Millennials zugemutet, die diese Strecke in weniger als einer halben Stunde joggen. In der Realität geht es um die Versorgung von Menschen, die Arzneimittel benötigen, um gesund zu werden. In der Realität geht es um Menschen, die im Rentenalter auf lebenswichtige Medikamente angewiesen sind, für die ein Fußweg von sechs Kilometern eine Strapaze ist.

27 Orte ohne Apotheken sind Fakt - da hilft auch keine Statistik

Vom Schreibtisch aus betrachtet, wurden deutlich mehr Apotheken in den Städten geschlossen als in ländlichen Regionen. Damit will man vermutlich sagen, dass die Menschen in den Städten bisher überversorgt waren und jetzt eben mal ein paar Minuten mehr mit der Straßenbahn oder eben zu Fuß in die nächste Apotheke brauchen.

In der Realität stehen dem inzwischen 27 Gemeinden in Thüringen gegenüber, die ihre Apotheke verloren haben. In der Realität hat Thüringen in den letzten 15 Jahren 110 Apotheken verloren, davon schlossen 45 in den sieben Städten mit mehr als 40.000 Menschen. Man kann sich sicher darüber streiten, wie städtisch oder ländlich Thüringen geprägt ist. Fakt ist, in 27 Thüringer Gemeinden gibt es inzwischen keine Apotheke mehr. Dort hat sich die Versorgungsqualität ganz real verschlechtert, auch wenn das aus Sicht der Krankenkassen nur eine Zahl hinter dem Komma sein mag.

Was heute schön gerechnet wird, sind in 15 Jahren echte Versorgungslücken

Am Schreibtisch mag dieser Absatz einen Sinn ergeben und vielleicht sogar als eine gute Nachricht erscheinen: „In absoluten Zahlen bedeutet der Rückgang der Apothekenstandorte: Rund 500.000 Menschen zusätzlich haben 2025 im Vergleich zu 2020 keine Apotheke mehr in fünf Minuten Gehentfernung. Etwa 1,7 Millionen Menschen (zwei Prozent der Bevölkerung) können 2025 innerhalb von 15 Minuten zu Fuß keine Apotheke mehr erreichen, die 2020 noch erreichbar war.“ ( Analyse des IGES Instituts zur Entwicklung der Apothekenstandorte und ihrer Erreichbarkeit)

In der Realität müssen wir uns darum kümmern, in wenigen Jahren die Arzneimittelversorgung für so viele Menschen im Rentenalter sicherstellen zu müssen, wie noch nie. In Thüringen ist schon heute die Hälfte der Bevölkerung älter als 50 Jahre. Alle diese Menschen werden in gut 15 Jahren das Rentenalter erreicht haben oder kurz davorstehen. Viele von ihnen werden Arzneimittel benötigen und ihre Versorgung werden so wenige Apotheken bewältigen müssen wie Anfang der 90er Jahre, wenn nicht endlich gegengesteuert wird. Das kann man sehr leicht der Stattistik entnehmen.