Ausbau des Intituts wäre ein Standortvorteil für den Freistaat

10.09.2020 - Presse, Ausbildung
Im Rahmen der Bearbeitung der Anträgen der FDP-Fraktion des Thüringer Landtages: „Den medizinischen und pharmazeutischen Nachwuchs in Thüringen sichern - Ausbildungskapazitäten ausbauen“ und den Änderungsantrag der CDU-Fraktion soll nunmehr die Erweiterung der Kapazität des Pharmazeutischen Instituts geprüft werden. "Wir bedauern, dass sich Thüringen bisher noch nicht zu einer Erweiterung durchringen konnte. Wir werden wie in den vergangenen Jahren den nun folgenden Diskussionprozess aktiv begleiten", erklärt Danny Neidel, Geschäftsführer der Landesapothekerkammer.

Der Bedarf an Apothekern in Thüringen ist weitläufig bekannt. Die Zahl der Thüringer Apotheken auch und gerade in den ländlichen Regionen Thüringens ist seit Jahren rückläufig. Ein besonders augenfälliges und bedrückendes Beispiel sind die Schließungen der Apotheken in Kranichfeld, Brotterode, Ziegenrück, Lehesten, Körner, Barchfeld, Plaue, Schönbrunn, Großfahner und Steinheid. In jedem dieser Orte gab es bis 2008 jeweils eine Apotheke. Heute aber nicht mehr. Während Zahlen leicht in statistischen Unsicherheiten verschwinden, wird durch diese Ortsnamen der Verlust von Lebensqualität in unserem Bundesland lokalisier- und sichtbar. Eine Abschwächung dieser Tendenz ist für uns nicht zu erkennen. Im Gegenteil auch 2020 verlor mit Stadtlengsfeld ein weiterer Ort in Thüringen seine einzige Apotheke. Sie ist eine von bereits vier weiteren Schließungen in diesem Jahr.

Pharmazieingenieure und Apotheker
Beispielhaft ist die Entwicklung der Mitarbeiterzahlen in den öffentlichen Apotheken bezogen auf die beiden Berufsgruppen Apotheker und Pharmazieingenieur. Diese Berufsgruppen sind als einzige leitungsberechtigt und daher in Apotheken wichtig. Im August 2012 arbeiteten 822 Pharmazieingenieure und 935 Apotheker in damals noch 574 Apotheken. Insgesamt als 1.757 Personen mit wenigstens eingeschränkter Leitungsberechtigung. Im Januar 2020 waren in den dann nur noch 534 öffentlichen Apotheken noch immer 643 Pharmazieingenieure und 1.124 Apotheker, insgesamt also 1.767 Pharmazeuten mit dieser Qualifikation.

Daraus kann abgeleitet werden:
  • Die Gesamtzahl der in öffentlichen Apotheken beschäftigten Pharmazieingenieure und Apotheker bleibt über die Jahre konstant (trotz sinkender Apothekenzahlen).
  • Pharmazieingenieure werden statistisch gesehen 1:1 durch Apotheker ersetzt.
  • Die Aufgaben für Apotheker in öffentlichen Apotheken nehmen eher zu (weniger Apotheken, gleiche Gesamtzahl Apotheker und Pharmazieingenieure).
Blickt man unter diesen Voraussetzungen auf die Altersstruktur der Berufsgruppen, so kann man ablesen, dass in 20 Jahren allein aus Altersgründen ca. 400 Apotheker und alle ca. 650 Pharmazieingenieure aus den öffentlichen Apotheken ausgeschieden sein werden. Wenn man diesen Zahlen entgegensetzt, dass in den letzten 20 Jahren ca. 600 Apotheker in die öffentlichen Apotheken in Thüringen kamen, so wird deutlich, dass zu diesem Zeitpunkt - also im Jahr 2040 - absehbar mindestens 450 Apotheker allein in den öffentlichen Apotheken in Thüringen fehlen werden.

Lieferengpässe erwartbar
Doch nicht nur die Probleme der direkten Arzneimittelversorgung vor Ort machen den Neubau des Instituts in Jena dringend erforderlich, es ist auch höchste Zeit, Thüringen in dieser Frage strategisch gut aufzustellen. Arzneimittellieferengpässe sind das Thema der letzten Jahre, das die Arzneimittelversorgung in Deutschland wahrscheinlich noch stärker bestimmt als die Zukunft der wohnortnahen Apotheken. Durch die Corona-Krise wird die Versorgungssituation möglicherweise noch in diesem Jahr prekär, wenn man die Berichte von den Sitzungen des Jour Fixe zum Thema „Liefer- und Versorgungsengpässe“ liest, die vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte veranstaltet werden. Im Bericht zur letzten Sitzung heißt es: „Die Produktion in Indien wird aufgrund des dortigen Lockdown weiterhin kritisch bewertet und muss engmaschig beobachtet werden. Aktuell scheinen sich noch keine Lieferengpässe in Deutschland niederzuschlagen. Es gehen aber bereits vermehrt Anfragen beim BfArM ein.“ Bundesgesundheitsminister Spahn hat Maßnahmen angekündigt, mit denen er diesen Versorgungsengpässen begegnen will und bringt explizit eine Rückholung der Arzneimittelproduktion nach Europa ins Gespräch.

Standortvorteil: Modernes Institut für Pharmazie
Genaugenommen ist Rückholung der falsche Begriff, vielmehr wird es sich um eine Neuansiedlung von Arzneimittelherstellern in Europa handeln. Und hier ergeben sich besondere Chancen für die Versorgung in Thüringen, aber eben auch für die Attraktivität des Standortes. Denn natürlich werden Pharmazeutische Unternehmer Pharmazeuten für die Arzneimittelproduktion benötigen. Ein modern aufgestelltes Institut mit hohen Absolventenzahlen ist dabei ein möglicherweise entscheidender Standortfaktor.

Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um unser Land für diese Situation zu positionieren. Es gilt, die Voraussetzungen zu schaffen, um eine Schlüsselindustrie für Thüringen zu gewinnen. Lange Lieferketten, Produktionsstätten in mehr oder weniger unsicheren Herstellerländern, in denen weder Sozialstandards gewährleistet werden können, noch Kontrollmöglichkeiten der Herstellung tatsächlich bestehen, werden immer ein Risiko in der sicheren Arzneimittelproduktion sein. Dieses Risiko zu minimieren und die Lieferfähigkeit langfristig auf ein festes Fundament zu stellen, ist eine der Herausforderungen nachhaltiger Gesundheitspolitik in Europa und auch in Deutschland. Und das Land Thüringen, der Landtag und Ihre Fraktion haben die Möglichkeit, für diese Politik einen wichtigen Grundstein zu legen. Jena braucht ein neues, modernes Institut für Pharmazie. Der richtige Zeitpunkt für diesen Neubau ist da. Er ist jetzt.

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