„Eben doch noch die beste Evidenz, die wir haben“

12.06.2020 - Pandemie, Information & Internet, Arzneimittelinformation
Cochrane Deutschland äußert sich in einem Internetartikel zur Diskussion um Preprints und die Qualität von Studien zu COVID-19, die in den letzten Wochen zum Teil sehr hohe Wellen geschlagen haben.

„In der Tat sehen wir zur Zeit aus aller Welt eine große Anzahl von Studien zu COVID-19 mit teils erheblichen methodischen Limitationen, beispielsweise ohne Vergleichsgruppen oder mit sehr geringen Teilnehmerzahlen, die auf die Schnelle als Preprint ohne Peer Review veröffentlicht werden. Solche Studien werden dann gelegentlich in sozialen und sonstigen Medien, teils auch durch Wissenschaftler selbst, als wichtige wissenschaftliche Ergebnisse dargestellt, die Entscheidungen in der Gesundheitsversorgung einzelner Patienten oder auch politische Entscheidungen auf Systemebene begründen sollen. Dies ist äußerst problematisch, da die Berichterstattung oft die Unsicherheit nicht ausreichend berücksichtigt, die wir in Bezug auf viele Fragen im Zusammenhang mit COVID-19 leider noch immer haben“, sagt Jörg Meerpohl, Direktor von Cochrane Deutschland und Direktor des Instituts für Evidenz in der Medizin am Universitätsklinikum Freiburg. Gleichzeitig seien eventuelle Schwächen und die fachliche Diskussion darum Teil des „Prinzips Preprint“ und dürften nicht als Anlass missbraucht werden, einzelne Forscher öffentlich zu diffamieren.

Meerpohl ruft deshalb dazu auf, die bisherige Forschung zu COVID-19 sorgfältiger zu betrachten. „Entscheidend ist, dass die unvermeidlichen Limitationen gerade solcher Preprint-Publikationen in der Diskussion berücksichtigt und die Ergebnisse entsprechend vorsichtig interpretiert werden. Die Evidenz zu COVID-19 ist zurzeit noch lückenhaft, vorläufig und teils methodisch schwach. Doch auch wenn sich dies dringend ändern muss, so ist sie momentan eben doch noch die beste Evidenz, die wir haben.“

In der notwendigen Debatte um Preprints sollte nach Ansicht des Netzwerks allerdings auch nicht der Eindruck entstehen, als sei eine reguläre Veröffentlichung mit Peer Review in einem angesehenen Fachjournal eine absolute Garantie für vertrauenswürdige Forschungsergebnisse. Das belegt der aktuelle Fall von zwei Studien zur Behandlung von COVID-19, die vergangene Woche von „The Lancet“ und dem „New England Journal of Medicine“ zurückgezogen wurden.

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