• Schrift verkleinern
  • Schrift vergrößern
Menu

Halloween und Pharmazie
30.10.2026 - Allgemeine Verwaltung, Presse

Die Pharmazie hinter Halloween

Hexenkessel, Zaubertränke und geheimnisvolle Elixiere: Halloween steckt voller Symbole, die auf den ersten Blick in die Welt der Magie gehören. Doch wer genauer hinschaut,entdeckt zwischen Gruselgeschichten und Hexenmythen eine erstaunliche Menge Pharmazie. Denn manche der vermeintlichen Zauberpflanzen enthalten hochwirksame Arzneistoffe – und können ebenso gut heilen wie vergiften. Eine kleine Reise von der Kräuterfrau zur modernen Apotheke.

Nun, eigentlich dachte der Verfasser dieser Zeilen, dass sich Halloween hierzulande nicht wirklich durchsetzen würde. Doch mittlerweile scheint es kaum noch ein Vorbeikommen an Kürbissen, Gespenstern und allerlei schaurigen Gestalten zu geben. Also machen wir das Beste daraus! Denn Halloween ist, bei genauerem Hinsehen,voller Pharmazie.

Die Botanik des Schreckens: Wenn Pflanzen zu Zaubertränken werden

Wenn in alten Geschichten von Hexensalben, Flugträumen oder geheimnisvollen Zaubertränken die Rede ist, spielen häufig Pflanzen aus der Familie der Nachtschattengewächse (Solanaceae) eine Rolle. Dazu gehören die Schwarze Tollkirsche (Atropa belladonna), das Schwarze Bilsenkraut (Hyoscyamus niger), der Gemeine Stechapfel (Datura stramonium) und die Alraune (Mandragora officinarum).

Diese Pflanzen haben eine lange Geschichte in der Volksmedizin, in magischen Vorstellungen und in der Giftkunde. Ihr Geheimnis liegt unter anderem in den sogenannten Tropanalkaloiden. Zu den bekanntesten Vertretern zählen Atropin, Scopolamin und Hyoscyamin.

Aus heutiger pharmakologischer Sicht ist ihre Wirkung durchaus erklärbar: Tropanalkaloide blockieren kompetitiv muscarinische Acetylcholinrezeptoren. Sie beeinflussen damit einen wichtigen Teil des parasympathischen Nervensystems.

Was zunächst abstrakt klingt, kann erhebliche Folgen haben. Eine Vergiftung kann unter anderem zu erweiterten Pupillen, trockenen Schleimhäuten, Hautrötungen, beschleunigtem Herzschlag und erhöhter Körpertemperatur führen. Bei schweren Vergiftungen kommen Verwirrtheit, Halluzinationen, Wahnvorstellungen und lebensbedrohliche Zustände hinzu. Mediziner sprechen vom anticholinergen Syndrom.

Und was hat das mit fliegenden Hexen zu tun?

Historische Berichte über sogenannte Flugsalben enthalten immer wieder Hinweise auf Tollkirsche, Bilsenkraut und Alraune. Die darin enthaltenen Alkaloide können das Bewusstsein erheblich verändern und intensive Wahrnehmungsstörungen hervorrufen. Ob und in welcher Weise solche Salben tatsächlich über die Haut aufgenommen wurden, ist allerdings wissenschaftlich umstritten. Historische Rezepturen und Berichte lassen sich nicht ohne Weiteres als pharmakologischer Nachweis verstehen. Die Vorstellung vom Flug auf dem Besen dürfte deshalb eher eine Mischung aus überlieferten Ritualen, Rausch- und Traumerfahrungen sowie späteren Erzählungen sein.

Vom Gift zum Arzneimittel

Was früher unberechenbar und gefährlich war, hat heute seinen festen Platz in der Medizin. Atropin wird beispielsweise in der Notfallmedizin zur Behandlung bestimmter symptomatischer Bradykardien eingesetzt. Außerdem dient es als Antidot bei Vergiftungen mit bestimmten Cholinesterasehemmern,etwa Organophosphaten

Ein Apotheker bringt Licht ins Dunkle

Und an dieser Stelle kommt ein Apotheker ins Spiel: Philipp Lorenz Geiger (1785–1836).

Der deutsche Apotheker, Chemiker und Hochschullehrer gehörte zu den wichtigen Vertretern der frühen wissenschaftlichen Pharmazie. Gemeinsam mit dem Chemiker Ludwig Hesse gelang ihm 1833 die Isolierung und chemische Charakterisierung von Atropin und weiteren Alkaloiden. Seine Arbeiten waren ein bedeutender Schritt in der Entwicklung der Alkaloidchemie. Ohne die systematische Arbeit solcher Pharmazeutinnen und Pharmazeuten wäre unser heutiges Wissen über pflanzliche Wirkstoffe kaum denkbar.

Halloween heute: Auch in der Offizin wird es manchmal gruselig

Doch nicht nur in der Pharmaziegeschichte bietet Halloween interessante Anknüpfungspunkte. Auch im Apothekenalltag können sich rund um die Gruselnacht ganz praktische Beratungsanlässe ergeben.

Kontaktlinsen: Zombie-Augen mit Risiken

Farbige Kontaktlinsen mit Katzenaugen, weißen Pupillen oder anderen Gruselmotiven gehören für manche zum perfekten Halloween-Kostüm. Doch auch wenn sie nur für eine Nacht getragen werden sollen, sind sie keineswegs harmlos.

Dekorative Kontaktlinsen sind Medizinprodukte und müssen fachgerecht angepasst werden. Unpassende Linsen,mangelnde Hygiene oder eine unsachgemäße Handhabung können die Hornhaut verletzen und Infektionen begünstigen. Im schlimmsten Fall drohen Hornhautgeschwüre und dauerhafte Sehstörungen.

Der Beratungstipp: Auch Motivlinsen sollten nur mit entsprechender fachlicher Anpassung und Einweisung verwendet werden. Auf die richtige Hygiene, geeignete Pflegemittel und die vorgeschriebenen Tragezeiten kommt es an. Kontaktlinsen niemals mit anderen Personen teilen!

Halloween-Schminke: Wenn das Gesicht zum Allergieauslöser wird

Blasse Gesichter, künstliche Wunden und blutrote Lippen gehören zu Halloween wie der Kürbis vor der Haustür. Doch gerade bei Kosmetikprodukten können bestimmte Inhaltsstoffe problematisch sein.

Konservierungsstoffe wie Isothiazolinone können bei entsprechend empfindlichen Personen allergische Kontaktreaktionen auslösen. Auch Duftstoffe, Farbstoffe und weitere Kosmetikbestandteile kommen als Auslöser infrage.

Eine Kontaktallergie kann sich beispielsweise durch Rötungen, Juckreiz und entzündliche Hautveränderungen bemerkbar machen.

Der Beratungstipp: Auf geeignete, gekennzeichnete Kosmetikprodukte achten, die Inhaltsstoffliste prüfen und bei bekannten Allergien entsprechende Auslöser meiden. Kosmetik sollte nicht auf gereizter oder verletzter Haut angewendet werden. Bei anhaltenden oder ausgeprägten Beschwerden ist eine ärztliche Abklärung sinnvoll.

Wenn aus Grusel Ernst wird: Hilfe bei Vergiftungen

Bei aller Begeisterung für Kräuter, Pflanzen und geheimnisvolle Rezepturen darf eines nicht vergessen werden: Viele vermeintlich harmlose Pflanzen können hochgiftig sein. Besonders für Kinder können unbekannte Beeren, Blätter oder Pflanzenteile zur Gefahr werden.

Wer den Verdacht hat, dass jemand eine giftige Pflanze, ein Arzneimittel oder eine andere potenziell gefährliche Substanz aufgenommen hat, sollte nicht abwarten. Das Gemeinsame Giftinformationszentrum in Erfurt berät Bürgerinnen und Bürger sowie die Heilberufe bei Verdacht auf akute und chronische Vergiftungen.

Das Giftinformationszentrum erreichen sie via Telefon: 0361 730 730.

Bei schweren Symptomen wie Bewusstlosigkeit,Krampfanfällen oder Atemnot ist unverzüglich der Rettungsdienst unter 112 zu verständigen.

Was einst Magie war, erklärt heute die Pharmazie

Halloween erinnert uns daran, wie eng die Geschichte von Heilkunst, Gift und Aberglauben miteinander verwoben ist. Pflanzen, die einst als magische Zutaten in Hexensalben und Zaubertränken galten, enthalten Wirkstoffe, deren Eigenschaften heute wissenschaftlich untersucht und teilweise therapeutisch genutzt werden.

Der entscheidende Unterschied zwischen der Kräuterfrau von einst und der Apothekerin oder dem Apotheker von heute liegt nicht darin, dass die Natur weniger geheimnisvoll geworden wäre. Es ist das Wissen um Inhaltsstoffe, Wirkmechanismen, Risiken und die richtige Anwendung, das aus gefährlichen Substanzen sichere Arzneimittel machen kann.

Vielleicht ist das die eigentliche Magie der Pharmazie: nicht das Unerklärliche zu bewahren, sondern es verständlich zu machen.

Und ganz unabhängig davon, ob Sie Halloween begeistert feiern, sich lieber mit einem Kürbis auf Abstand halten oder mit Hexen und Gespenstern so gar nichts anfangen können:

Wir wünschen Ihnen ein schönes Wochenende!